Ein unbekannter Gott wird kommen
Erstes Zeugnis: Mario Crotti aus Albinea, Reggio Emilia
Ich wanderte mit meiner Mutter in der Abenddämmerung des 26. August 19 44 die Straße entlang, die von Botteghe nach Reggio führt. Es war ein Samstag. Wir kehrten vom Feld zurück. Meine Mutter hatte einen Sack Gras für die Kaninchen geschultert. Nahe der Villa hielten zwei deutsche Lastkraftwagen mit laufendem Motor. Und viele Soldaten. Einer von ihnen herrschte mich an, mich gefälligst zu beeilen, es gäbe dort Nichts zu sehen.
-Hurensohn! – brüllte ihn der, der am Fenster stand, an. Wider Erwarten drehte er sich darauf hin um und ließ die Wachposten an den Ecken des Parks und an der Hecke, die er bis dahin beobachtet hatte, für einen Moment aus den Augen. Die Nacht zog herauf, und die Dunkelheit hätte sogar jenen Ort erstickt. Er trug sein Hemd offen über der Brust mit den rötlichen Haaren, große Schweißflecken zeichneten sich unter seinen Achseln und entlang seines Rückgrates auf dem Stoff ab. Er näherte sich mit ausgestrecktem Arm, die Hand zur Faust geballt. Der Hieb des Kommandanten Mogel traf Hans Schmidt an der Stirn, er taumelte zurück, den Stuhl mit sich schleifend. Die anderen drei Soldaten blieben unbewegt.
- Du bist von einer Hündin gezeugt worden! Du verdammter Kommunist! – schrie Mogel ihn an, mit verzerrtem Gesicht und hervortretenden Halsvenen. Hans Schmidt lag am Boden. Er hatte die Augen geschlossen, in Erwartung dessen, was kommen würde.
Der erste Tritt traf seine linke Schulter. Hans Schmidt war gezwungen, sich umzudrehen. Er krümmte sich zusammen, aufheulend vor Schmerz. Der zweite Tritt spaltete seine wie zum Schutz vor der Brust gekreuzten Arme. In jenem Moment brach seine Gegenwehr. Der dritte Tritt erschütterte seinen Leib, und Hans Schmidt begriff, dass er von einem hohen, unermesslich hohen Berg fiel. Er wälzte sich auf den Felsen und sein Körper rieb sich auf bei seinem endlosen Fall. Er ließ los, in Erwartung jenes schmerzlosen Momentes, in dem er endlich auf der grünen, weichen mit Gras, Klee und Margeriten bewachsenen Erde aufschlagen würde. Genau wie in jenem Park in Köpenick, als er mit der kleinen Eva spielte und sie sich auf dem Teppich aus Grün ausstreckten.
Zweites Zeugnis: Cesira Delrio, Bäuerin und Köchin unter der deutschen Kommandatur
Da waren deutsche Soldaten an der Villa, an jenem Sonntagmorgen. Als ich hinzukam sagte man mir, dass selbst für die Bauern und Feldarbeiter ein Passierverbot bestünde und man uns nicht vorbeilassen würde. Man sagte mir, dass meine Dienste an jenem Tag nicht benötigt würden und schickten mich nach Hause. Bevor ich wieder auf das Fahrrad steigen konnte, flüsterte ein junger Militär: Es wird ein furchtbarer Tag sein, Mamma. So sagte er mir.
Hans Schmidt kam in dem dunklen Keller der Villa zu sich. Er war sicher, am Leben zu sein, wegen des bitteren Geschmacks in seinem Mund und wegen seines geschundenen Leibes. Er erinnerte sich, dass es eine Spätsommernacht im August war, und dass er Wein getrunken hatte, gekühlt im Brunnenwasser, am Abend des Heiligen Laurentius. Er stellte sich die Finsternis über den Feldern vor und den fauligen Nebel, der durch die winzigen Fenster drang. Es gelang ihm, die Hände mit der zerfetzten Haut an sein Gesicht zu führen. Die aufgeplatzten Lippen ließen ihn erzittern. Er berührte seine Lider und begriff, dass er sie nicht würde öffnen können.
Er blieb auf dem Boden gegen die Wand gelehnt sitzen. Kaum bewegte er die Beine, schrie er auf vor Schmerz. Jenseits der verbarrikadierten Tür höhnte eine Stimme, ob er an seine Hündin von Mutter dächte. Langsam umspülten die Erinnerungen seinen gemarterten Körper. Er hatte Else geschrieben, damit es ihm gelang, sich seiner Situation zu entfremden, wenn er nur fest genug an all‘ das dachte, was ihm teuer war. Es konnte ein Mensch sein. Oder auch der Geschmack von Kohl mit Speck. Er erlangte die Erinnerung an die kleine Eva wieder, in jenem Park in Köpenick, wo sie während seines letzten Freigangs spielten, bevor man ihn nach Cagli geschickt hatte. Das Mädchen tat seine ersten Schritte, und seine Frau berichtete, dass die Flieger der Alliierten den Himmel über Berlin erreicht hätten. Damals sagte er zu seiner Frau, dass jeder Krieg eine Niederlage sei.
Er war als Angehöriger der Nachrichtentruppe nach Cagli gelangt, und in dieser Funktion hatte er niemals auch nur einen Schuss abgefeuert.
Dort begegnete er Erwin Bucher, Jahrgang 1917, aus Kaufbeuren. Mit Erwin fühlte er sich wohl. Erwin kannte das Wesen der Welt und berichtete von dem Zauber des fernen Siziliens, mit seiner Trockenheit und den Zitronen und den Olivenbäumen mit ihren metallisch schimmernden Blättern. Dank Erwin begriff er, dass es nur einen Weg gab, dieses Massaker zu beenden.
Drittes Zeugnis: Ivano Corradini, Wirt in Botteghe di Albinea
Eine Einheit war vom Cavazzone herunter gekommen. Zwei Lastwagen mit Soldaten und drei Offizieren. Einige waren aus Bologna angereist. Wenn sie aus Bologna gekommen waren, dann war die Lage ernst. Kam man aus Bologna, um Granaten zu werfen, auf und ab zu laufen und die Straße nach Reggio zu sperren? Es war nicht ratsam, die Nase aus der Tür zu strecken.
Er fragte sich, was mit Erwin geschehen war. Vielleicht war es ihm gelungen, über die Felder zu fliehen. Besser so, denn wenn sie dich erwischen, bereust du, geboren worden zu sein. Erwin hatte ihm gesagt: wenn sie dich kriegen, dann bitte um den Gnadenstoß.
Hustenreiz überfiel ihn, und er würgte Blut hervor. Dieser Husten quälte ihn lange, und von jenseits der Tür prophezeite man ihm, er würde das Ende nehmen, das ein Hund, ein Bastard wie er, verdiene.
Er kauerte sich zusammen. Aus den rissigen Lippen sickerte eine warme, blutige Flüssigkeit. Er bewegte die Beine, um sie auf dem Estrich auszustrecken und den Schmerz ein wenig zu lindern. Er brüllte. Und sein Schmerzensschrei machte ihm Angst.
Im diesem Moment zerriss ein gewaltiger Feuerstoß die Nacht, jäh gefolgt von einer Detonation. Hans versuchte, die Hände zum Kopf zu führen, aber ihm entwich ein weiterer entsetzlicher Schmerzenslaut. Im Park brüllten sie und trampelten mit ihren Stiefeln über den Fußboden über seinem Kopf und die Treppen aus Holz hinunter. Irgendjemand schrie sich die Kehle heiser, dass man ihn erwischt hätte: sie hätten den anderen verdammten Bastard getroffen.
Hans tauchte erneut in die Wolke der Erinnerungen ein. Es ist ganz leicht: es genügt, den Himmel zu betrachten und sich die Wolke auszusuchen, die einem an besten gefällt. Du machst einen Satz und erklimmst sie. So tat er es auch jetzt, und er war nicht verwundert, Erwin dort anzutreffen, der ihn vor der Bäckerei in Cagli erwartete. Sie spazierten zu einem Acker, wo man dann und wann auf verstreute Tonscherben und Mosaiksteinchen aus römischer Zeit traf. Dort sprachen sie vom Krieg. Es war leicht, auf die andere Seite zu wechseln, jetzt, wo die Alliierten da waren. Schwieriger war es, in der Wehrmacht zu bleiben und den Alliierten und Partisanen zu helfen. Auf dem Rückweg trafen sie am Brunnen den Maurer Vincenzo Michelini. Sie begrüßten einander. Erwin ließ ihn wissen, dass sie sich am Abend über die Brücke zurückziehen würden. Die Brücke über den Burano wurde am Nachmittag gesprengt, und die Abteilung der Wehrmacht ließ fünf Lastwagen und einen Teil der Bewaffnung zurück.? ?
Viertes Zeugnis: Aus dem Brief eines deutschen Soldaten
Der Abend und die Nacht des 26. August 19 44 waren schrecklich. Man hatte den Feldwebel Hans Schmidt in der Telefonzentrale der Villa verhaftet. Es war der Kommandant Mogel, der ihn überrascht hatte. Man schaffte ihn in einen Raum der Villa und Mogel drang auf ihn ein. Er nannte ihn einen Bolschewisten und Verräter. Er malträtierte ihn die ganze Nacht hindurch mit Fußtritten. Einem zweiten Deserteur gelang es, sich zu verstecken. Vor dem Morgengrauen sollten die Partisanen aus Reggio mit der Hilfe Schmidts und der anderen die Kommandantur in Alba besetzen.
Die schwere Kellertür wurde aufgestoßen. Zwei Soldaten waren gekommen, um ihn zu holen. Hans Schmidt gelang es nicht, sich auf den Beinen zu halten. Gewaltsam hoben ihn die beiden hoch und schleppten ihn die Treppen hinauf bis zu dem Zimmer, in dem man ihn vor Stunden zusammengeschlagen hatte. Dann ließen sie ihn zu Boden fallen.
Er hustete, bis er einen Klumpen Blut und Schleim hervorwürgen konnte, der ihm die Brust verklebte. Er versuchte, sich aufzurichten. Es gelang ihm nicht einmal, sich zu knien. Er hörte schwere Stiefel neben seinem Kopf.
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