Luigi Rossi

Kölner Notturno

 

Wenn du dich bei Nacht in der Nähe des Kölner Rathauses aufhältst, kann es dir passieren, dass du von einer Stimme überrascht wirst.

Es ist die klare und feste Stimme eines alten Mannes, und du kannst aus dem Akzent, der nicht von hier ist, seine Herkunft erahnen. Mit Sicherheit ist er der Sprache nach ein Welscher. Vielleicht ein Piemonteser. Vielleicht ein Lombarde.

Manchmal spricht er ergriffen von Traurigkeit, dann wieder ironisch und lebhaft.

Während diese mysteriöse Stimme ertönt, drehst du dich um und schaust empor. Du fragst dich, woher diese Worte kommen. Welche Kehle sie formt. Die Quelle, der sie entspringen. Deine Augen suchen andere Augen, sicher, dass in der Nähe, in der Dunkelheit oder im milchigen Schein des Mondes jemand atmet und sich sorgt.

Es ist mir nie gelungen zu erfahren, wer diese Worte flüsterte. Wer über weit zurückliegende Ereignisse sprach, von Personen und seltsamen Angelegenheiten erzählte und das komplexe Ränkespiel einer ehemaligen Begebenheit entwirrte.

Ich spürte jedoch, dass mir dieses Wesen ein Freund war.

 

I

Sie versammelten sich eines schönen Tages,

und einer wird gesagt haben:

«Wir stellen ihn dort oben auf. Er wird niemanden stören».

Und ein anderer:

«Das ist wahr.

Er soll die Wogen von Menschen beobachten,

die da unten gegen die Mauern branden,

die den Rathausplatz abriegeln,

und dem Klappern der Schritte

und dem Klang der vielfältigen Sprachen zuhören,

die eine Geschichte erzählen, die nur ein Märchen ist».

Ein Dritter:

«Man fühlt sich wohl da oben.

Auf der zweiten Ebene

inmitten der verdienstvollen Persönlichkeiten dieser Stadt,

mit Jan von Werth und Katharina Henot und Nikolaus Gülich,

Robert Blum, Karl Marx und Maria Clementine Martin».

Und alle:

«Es ist der ideale Platz für diesen Welschen,

Piemonteser oder Lombarden,

was immer er sein mag».

Weiter oben,

auf der vierten Ebene,

stehen die Schutzheiligen

dieser Stadt am großen Fluss,

das Jerusalem am Rhein,

das kleine Rom auf deutschem Boden.

Noch höher atmen Petrus und Melchior,

Ursula und Kaspar,

Anno und Balthasar,

Kunibert und Severin:

Nachsichtig und amüsiert sehen sie die Tage

und die Geschichte vorbeieilen.

Noch weiter oben:

nur Gott.

Unten sind wir.

Und die nicht mehr lesen können.

Nicht mehr suchen.

Nicht mehr fragen und zuhören.

 

II

 

Man hat mich auf eine Figur reduziert.

Bin ich dieser Popanz aus Stein,

angelehnt an ein Fass?

Ich bin so lächerlich,

ähnlich jenem,

der auf dem Platz an den Karnevalstagen

tanzt, grölt und säuft.

Sie haben mich umgestaltet wie sie wollten:

Ich bin der Narr, der dieser Stadt noch fehlte.

Sie erzählen dir,

ich hätte einen sehr feinen Geruchssinn gehabt.

 Extraordinaire!

Und das seit meiner Geburt.

Man verwechselt mich mit einem gewissen Jean-Baptiste Grenouille

oder dem Duftmacher aus einer anderen Geschichte

oder sogar mit einem Mörder.

Ich bin der große Kaufmann,

der Italiener, der herumhurt, betrügt, klaut

für eine unstillbare Gier nach Vergnügen und Geld.

Sie lassen mich sagen, was ich niemals gesagt habe.

Sie lassen mich schreiben, was ich nie geschrieben habe.

Sie stecken mich in Kleider, die nicht meine sind:

Alle, sogar der, der behauptet, er sei mein Nachkomme.

Ich bin nur ein Name,

ein Körper und ein Gesicht, an das sich niemand erinnert.

Nur eine Gestalt

auf der zweiten Ebene des Rathausturms.

 

III

 

Niemand glaubt, dass ich arm geboren bin,

ausgerechnet ich.

Niemand begreift,

wie mein Vater und meine Mutter,

meine Brüder und Schwestern

in Armut gelebt haben können.

Wir aßen steinhartes Brot,

und schon bald machten wir uns auf den Weg

wie unsere Väter und die Väter unserer Väter,

auf den Straßen und Pfaden der Emigration

und jenen folgend, die vor uns ihre Schritte nach Paris,

oder Lyon, Amsterdam und Köln lenkten.

Nicht Venedig und Bälle, Liebschaften, Träume.

Nicht Florenz und Essenzen, Musik, Licht.

Ich war noch nie in Grasse und Rom.

Meine Brüder und ich in Diensten bei unserem Onkel:

Eine harte Schule zwischen Köln und Maastricht,

zwischen Märkten, Jahrmärkten, Illusionen, Trugbildern.

Der Onkel scheiterte, machte Konkurs.

Senza essere riuscito a vendere la croce di Mademoiselle Margot,

pur essendo andato da un ebreo di Deutz.[i]

Der Onkel scheiterte.

Ohne dass il cugino et compadre carissimo

gli concedesse un prestito di 500 talleri reali.[ii]

Der Bruder meines Vaters wurde der ärmste Mann von Köln.

Als er starb,

wurde er neben denen begraben,

die ohne Vaterland, ohne Haus,

ohne Familie, ohne Liebe, ohne Würde waren.

 

IV

 

Als Johann Baptist, mein ältester Bruder,

das Geschäft in der Großen Budengasse,

ein enger Durchgang,

wo hinein nie ein Sonnenstrahl fiel,

eröffnete, stießen wir mit einem Becher schalem Bier

auf das Glück des Ladens J. B. Farina & Borgnis an.

Wir waren Kaufleute, wir Farina.

Seit jeher.

Nicht vornehm, nicht reich.

Seit Generationen sind wir

wie Hunde

der Witterung des Glücks nachgejagt.

Von Geld, Parfums, und Wechselbanken

sahen wir nicht einmal den Schatten.

Uns fehlte es an Brot.

Die Kunden machten einen Bogen um uns.

Die Kreditgeber waren uns auf den Fersen.

 

Hieronymus, der jüngere Bruder, verließ uns.

In Düsseldorf umarmte ihn das Glück.

Wir zogen in das Haus Zum Morion :

an der Ecke dieses Rathausplatzes,

wo sich Unter Goldschmied und Obermarspforten kreuzen.

 

Wo man heute  in vergoldeten Buchstaben

 

Johann Maria Farina

Gegenüber dem Jülichs – Platz

Gegründet

1709

 

lesen kann.

 

Erinnerung an eine vergessene Epoche,

der von Knöpfen, Kämmen, Tabak,

Fingerhüten und Nadeln.

Handschuhen und Strümpfen.

Broschen und Pantoffeln.

Löffelchen und Messerheften.

Tabakdosen, Nachttöpfen und Spielkarten.

Schminke und eau de la reine,

eau de lavande, eau de carmes, eau admirable

und Parfums und Heilwasser jeder Art.

Die Spedition einiger Pakete.

 

20 Jahre später, oder beinahe, habe ich geschrieben:

Il negotio va misero

Di nos vitta non aemovisto simile

Non tiriamo in una 7/m (settimana)

Quello che doverebimo tirare in un giorno.[iii]

Ich erinnere mich,

in ein Register eingetragen zu haben:

E le trop peu de consumtion  de marchandi

que nous avont eu ici cette iver

passe nous cause que nous ne pouvont venir a cette foir.[iv]

 

Johann Baptist krepierte bei seiner Arbeit.

Wie ein Hund.

Weit fort von der Familie

brach er auf dem Fußboden zusammen,

Stockfische schleppend

und ein Glasgefäß mit einer Salbe gegen Schwielen.

 

Nur ich war übrig geblieben.

Ich war 47 Jahre alt, das Geschäft 23.

Und stets Hunger und Schulden.

 

V

 

In dieser Stadt ist das Glück zu Hause,

nur beschenkt es nicht jeden.

In dieser Stadt musst du das Glück verführen.

Auf es warten.

Ihm nachspüren.

Es ersehnen und anvisieren.

Ihm auf Schritt und Tritt folgen,

ohne es aus den Augen zu verlieren.

Warten bis seine geizigen Blicke sich auf dich richten,

und du verbeugst dich dankbar.

Hier wurde das Glück Johann Paul Feminis zuteil.

Er hat die Immobilie Newenburg erworben,

Wohnung, Boutique und Garten  

in der zentralsten und belebtesten Gegend unserer Stadt.

Monsieur Feminis genießt das Alter

mit seiner Frau und den Töchtern:

Anna Maria Theresia, Nonne im Orden der Klarissen

und der treuen Johanna Katherina.

Die Geschäfte blühen,

 Warentransporte sind beständig,

und er lässt mich etwas verdienen,

soviel um zu überleben.

Von dem Vielen, das er besitzt,

schenkt er einen Teil den Armen der Stadt.

Einen weiteren Teil lässt er den Bedürftigen des Tals zukommen,

für die Schule und den Glauben.

Er verkriecht sich in seinem Laboratorium,

wo er ein Eau Admirable

nach einem alten arcanum destilliert,

das sogar bei Kunden aus fernen Städten sehr begehrt ist.

Ich sah ihn oft in den letzten Jahren seines Lebens.

Ich machte Bestellungen für ihn.

Ich erledigte die Korrespondenz

und vereinbarte Termine.

Als er starb, das war der Augenblick,

in dem das Glück seine Hand auf meine Schulter legte.

Ich nahm die Einladung an und murmelte:

Laus Deo Semper.[v]

 Gott möge Monsieur Feminis die ewige Seligkeit gewähren,

qui avant sa morte

atransporte aMoy Son Comerce

e apris a destiller la veritable Eau admirable.[vi]

 

VI

 

Monsieur Feminis, der große Kaufmann.

Monsieur Feminis, der Großherzige.

Monsieur Feminis, der Meisterdestillateur.

Fünfzehn Jahre nach seinem Tod

erhielt er noch Briefe und Aufträge.

Ich antwortete den Kunden:

Mons. Feminis

il y a déja 15 anne quil est mort

Cet a Moy quil a done avant sa mort

la vertu de savoir faire la veritable Eau admirable…”[vii]

 

Anna Sofia, seine liebenswerte Ehefrau, wird 1739 sterben,

und auch sie wird ihren Besitz den Armen

von Köln und Rheinberg zukommen lassen.

Carl Hieronymus wurde mit der Ausführung

des letzten Willens des Monsieur Feminis betraut,

ich löste seine Handelsaktivitäten auf.

 

So kam es,

dass ich aus den Hauptbüchern

und der Korrespondenz des Monsieur Feminis

von den Geheimnissen seines Erfolges

und seiner Tätigkeit Kenntnis bekam.

 

So geschah es,

dass ich meine Geschäfte zum Erfolg führte,

mit aller Achtung für denjenigen,

der sich für mich bei Fortuna eingesetzt hatte.

 

Alles Übrige ist ein Märchen.

 

 

VII

 

Glauben Sie nicht,

mein Herr,

dass hier oben,

an meiner Stelle,

das Abbild eines anderen stehen müsste?

Dass nicht Meister Feminis

die Ehre gebührt,

von hier oben seine Stadt zu betrachten?

 

Ich würde in den Schatten zurücktreten.

Für immer.

Ohne schmerzliche Erinnerung.

 

 

Der Rathausturm hebt sich gegen einen zerschmelzenden Himmel ab, angestrahlt von einem riesigen Mond, weiß wie eine Margerite.

 

 

ENDE

 

Köln, Mai 2013

Deutsche Überarbeitung von Angela M. Janssen

Alle Rechte vorbehalten


[i] «…pour la Croix de Mad.e Margo je ne l’ay pas encor vendu i’ay este une fois a Dutz pour ce sujet un Juifs m’en avoit une fois presente 22 r, mai come je me tenoit a 25: il me quitta et allors en apres il me parla derechef et me dit qu il nen donneroit que 4 pistolles et moy voyant quil retiroit sa parolle je ne luy voulus pas donner… » -  Brief von Jean Gille Taskin a J. M. Farina – Maastricht (1657 - †1732, Köln), 3. Januar 1713, Cologne – Archiv RWWA, Köln, (Briefkopierbücher Maastricht 1713 -1728, Abt. 33, Nr. 018, Fasz. 193-194).

[ii] Aus ein Brief an Johann Paul Feminis («liebster Vetter») vom 13.04.1714, in dem Johann Maria Farina (Maastricht) den Kaufmann aus Crana bittet, ihm einen Kredit von 500 Reichstalern zu gewähren. (Briefkopierbücher Maastricht 1713 -1728, Abt. 33, Nr. 018, Fasz. 193-194).  

[iii] «… momentan gehen die Geschäfte miserabel, so wie wir es in unserem Leben noch nicht erlebt haben: in einer Woche nehmen wir nicht das ein, was wir an einem Tag einnehmen müssen…» - Brief vom 25. Mai 1731 – Briefbuch 1727-1733, S. 343 (Archiv RWWA – Köln).

[iv] «Der sehr dürftige Verkauf von Waren in diesem Winter ist der Grund, dass wir diesmal nicht zur Messe kommen können» - Briefbuch 1727- 1733, S. 54 (Archiv RWWA, Köln).

[v] So beginnt  Johann Maria Farina (1685-1766) das Briefbuch für die Jahre 1738-1742 (Archiv RWWA, Köln).

[vi] «[…] Monsieur Feminis hat mir vor seinem Tod seinen Handel übertragen und mich gelehrt, das echte Eau Admirable zu destillieren… […]», aus einem Brief von J. M. Farina (1685-1766) vom 30.12.1736.

[vii] «[…] Monsieur Feminis ist seit 15 Jahren tot. Er war es, der mir vor seinem Tod das Wissen über die Herstellung des echten Eau Admirable vermittelte», aus einem Brief von J. M. Farina (1685-1766)  vom 1. August 1751.